Chororgel der Basilika Weingarten

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21. Januar 2012

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Pressestimmen - Julia Fiedler


Rettet die Orgel –

Denkmalschutz als Bürgerpflicht?

 

Von Julia Fiedler

 

Die Chororgel der Basilika in Weingarten pfeift aus allen Löchern. Nur nicht aus den richtigen. Organist Stephan Debeur muss sein ganzes Geschick einsetzen, um dem historischen Instrument noch so etwas wie Wohlklang zu entlocken. „Ich weiß mittlerweile, welche Register ich ziehen und welche Tasten ich drücken darf.“, erzählt der Musiker. „Doch es ändert nichts daran, dass die Orgel den Charme eines zahnlosen Lächelns hat.“

Die Technik ist marode und im Gebälk knabbert der Holzwurm. Einen Orgelbauer haben die Tierchen bereits abstürzen lassen. Die kleine Schwester der berühmten großen Gabler-Orgel spielt derzeit eher Russisch Roulette als Musik der Romantik. Nur 40 Prozent der Orgel seien noch funktionstüchtig, erklärt Debeur. Wie lange noch? Dafür will er keine Gewähr übernehmen.

Eine Entscheidung steht an. Soll die Orgel bewahrt werden oder künftig nur noch als Holzwurmfutter dienen? Und wer zahlt für die Musik?

Schon jetzt kosten die Reparaturarbeiten den Orden als Hauptnutzer der Orgel jedes Jahr mehrere Tausend Euro. Und das ist nur Schadensbegrenzung. Um die Orgel langfristig zu retten, muss sie von Grund auf saniert werden. Das ist teuer. Debeur rechnet mit rund 800.000 Euro. Eine Summe, die der Orden unmöglich aus eigener Kasse aufbringen kann. So viel kostet es aber, um die jetzige Chororgel zu sanieren oder eine neue Orgel in vergleichbarer Größe bauen zu lassen.

Nun hat die Basilika ja bereits eine Orgel. Die große Barockorgel von Joseph Gabler, die in den vergangenen Jahren mit Landesmitteln aufwendig restauriert wurde. Alles richtig. Die erfülle aber einen ganz anderen Zweck, erklärt Debeur. Die große Orgel, das Meisterwerk von Joseph Gabler, ist Kind ihrer Zeit. Zarte, leise Barockmusik, Werke von Bach – dafür ist sie geschaffen. Kirchenmusik der Romantik und der Moderne, wie sie heute zu großen Anteilen in Gottesdiensten und in Konzerten gespielt wird, sind auf ihr nur bedingt möglich. Die Mönche bei ihren täglichen Chorgesängen auf ihr zu begleiten? „Undenkbar.“, meint Debeur. Dafür ist sie zu weit weg. Eine Chororgel gehört zum Chor.

Die Chororgel war die erste Orgel der Basilika. Sie lieferte den Grund, warum der Konvent Mitte des 18. Jahrhunderts Joseph Gabler nach Weingarten holte. Gabler sollte die ursprünglich vom Schweizer Orgelbauer Bossart gebaute Chororgel restaurieren. Schließlich erhielt er 1737 den Auftrag zum Bau einer Hauptorgel und zum vollständigen Neubau der Chororgel.

Gabler-Orgeln stehen heute nur noch in seiner Heimatstadt Ochsenhausen und in Weingarten.

Die Chororgel der Basilika besitzt noch vier originale Klangfarben von Gabler, darunter der wichtige tiefe Bass und eine Flöte. „Es sind die besten Teile der Orgel“, erzählt Stephan Debeur. „Und es wäre eine Schande, sie wegzuwerfen oder ins Museum zu stellen.“ Eine Orgel macht nur Sinn, wenn sie erklingen kann. Zum Ausstellungsstück taugt sie wenig.

Debeur möchte das Instrument retten. Die Orgel hat historischen Wert. Sie gehört zum Gesamtkunstwerk Basilika. Sie ist wichtig für die Gottesdienste, Proben und Konzerte des Basilikachors. Im Sommer machen Bodensee-Touristen häufig einen Abstecher nach Weingarten – wegen der Basilika. Sie ist Teil der bayrischen Barockstraße.

Doch die öffentlichen Kassen sprudeln nicht mehr über. Wolfgang Peter vom Landesbetrieb Vermögen und Bau schaut betreten. Er steht vor einem Dilemma. Sein Budget wird tendenziell immer knapper, die Gebäude, die es zu erhalten gilt, immer älter. Zehn Millionen Euro stehen dem Landesbetrieb jährlich zur Verfügung. Die Behörde muss abwägen, wofür sie ihr Geld ausgibt. Die Devise lautet: Gefahr für Leib und Leben geht vor. Ebenso wie rechtliche Verpflichtungen. In der Justizvollzugsanstalt Ravensburg sind die Dächer undicht. Den Häftlingen tropft es auf den Kopf. Das Rathaus in Ravensburg muss saniert werden. Schloss Tettnang braucht einen behindertengerechten Fahrstuhl. Ein Anspruch, den das Grundgesetz fordert. Und: Für die Restauration der Basilika hat das Land Baden-Würrtemberg derzeit bereits sechs Millionen Euro ausgegeben.

Wem die Kirche gehört, der kann auch dafür zahlen. Schließlich ist das Land seit über 200 Jahren Eigentümer der Basilika. Doch ganz so einfach ist es nicht. Fast so alt wie die Basilika selbst, ist auch der Streit, wer für ihren Unterhalt aufkommt. Das Land? Die Pfarrei, die sie nutzt?

„Ein Scheck aus Rom können wir nicht erwarten.“, sagt Stephan Debeur. „Eine weltumspannende Institution wie die katholische Kirche kann nicht für die Instrumente jeder Kirche aufkommen.“ Sie kommt ja weltweit nicht mal für ihr Bodenpersonal auf. In Frankreich müssen manche Gemeinden auf dem Land sogar ihren Pfarrer selbst unterhalten.

Vielleicht ist das der Schlüssel. Als Debeur vor drei Jahren nach Weingarten kam, hat er den Förderverein für Kirchenmusik in der Basilika gegründet. Er hatte damit in Aachen bereits gute Erfahrungen gemacht. Binnen sieben Jahren ist es dort gelungen, das Geld für eine neue Orgel zusammen zu bekommen. Das Gleiche schwebt ihm nun auch für Weingarten vor. Und nicht nur ihm.

Iris Herzogenrath, Vorsitzende des Fördervereins und Sängerin im Basilika-Chor, hat die ersten Schritte für eine Spendenaktion gewagt. „Für mich ist wichtig, wir brauchen viel Geld. Also fange ich jetzt an.“ erklärt die 45-Jährige. Sie hat ein Spendenkonto eingerichtet, auf dem bereits 500 Euro liegen. Sie hat ein Kuratorium zur Rettung der Orgel initiiert, zu dem unter anderem der Tübinger Regierungspräsident Hubert Wicker, Rudolf Köberle, Minister und Bevollmächtigter des Landes Baden-Würrtemberg beim Bund und Mitglied des Bundesrates sowie der Ravensburger Landrat Kurt Widmaier gehören. Und sie hat Ideen. Patenschaften für Orgelpfeifen ist eine davon. Neue Pfeifen kosten zwischen 30 und 1500 Euro. In dieser Spanne sollen Patenschaften vergeben werden. Mit der Bäckerei Schmidt in Weingarten hat sie bereits über ein „Orgel-Brot“ verhandelt. Orgelpfeifen aus Schokolade sind in der Bäckerei demnächst zu haben. Die Verpackung ziert ein Bild des Weingartner Künstlers Caspar David Arnold. Teile des Verkaufserlöses sollen auf das Spendenkonto fließen.

Warum dem Bürger Geld aus der Tasche ziehen für eine Orgel? Iris Herzogenrath kennt den Konflikt: Ist es in Anbetracht der vielen Not leidenden Menschen gerechtfertig, Spenden für ein wurmstichiges Musikinstrument zu sammeln? Doch sie kommt zu dem Ergebnis: „Es ist genau so wichtig, Kulturgüter in unserer Umgebung zu erhalten. Die Menschen identifizieren sich mit der Region, in der sie leben und wollen sich hier wohl fühlen.“

Bei allem Engagement und Optimismus bleibt sie aber realistisch: „Ich glaube nicht, dass wir das Geld innerhalb eines Jahres zusammen bekommen.“ Es sei denn, es findet sich noch ein Großmäzen. Das will zumindest Oberbürgermeister Gerd Gerber nicht ganz ausschließen. Doch auch die kleinen Einzelspender sind wichtig. „Sie geben uns die Rückversicherung, dass die Menschen rundherum die Orgel wirklich wollen.“, erklärt Stephan Debeur. Und sie können den Ausschlag dafür geben, ob öffentliche Mittel fließen. „Wenn die Bürger sagen, dass sie diese Orgel wollen, kann das den Zuschuss aus Landesmitteln beeinflussen.“, signalisiert Wolfgang Peter vom Landesbetrieb Bau und Vermögen. Denn schließlich stecken auch in den öffentlichen Töpfen Steuergelder, also das Geld der Bürger.


Alle Artikel mit freundlicher Genehmigung der Autoren!

- “Rettet die Orgel - Denkmalschutz als Bürgerpflicht” Autor: Julia Fiedler Schwäbische Zeitung vom 22.03.2005 Lokalteil Weingarten


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